Glaubst Du noch oder denkst Du schon?

 

Ungeimpft für 5 Wochen ins Krankenhaus

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Bitte Abstimmen)
Beitrag per e-Mail versenden

… Klinische Symptomatik jedoch ohne Erregernachweis …

Ein 25jähriger Mann aus Bangladesch, der sich seit 1996 ununterbrochen in Deutschland aufgehalten hatte, erkrankte am 03.01.98 akut mit Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und hohem Fieber. Sein Allgemeinzustand verschlechterte sich rasch, zusätzlich trat Luftnot auf. Nach zwei Tagen suchte er die Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses auf. Ein HNO-Arzt stellte die Diagnose ›Verdacht auf Rachendiphtherie‹ und veranlaßte die sofortige Einweisung in eine Infektionsklinik. Dort wurde zum Aufnahmezeitpunkt ein hochakutes Krankheitsbild registriert, die Befunde sprachen aber nicht eindeutig für eine Diphtherie (u. a. nur uncharakteristische abwischbare Beläge nach Art zähen Schleimes). Ein periglanduläres Ödem bewirkte eine teigige Schwellung im Halsbereich (›Cäsarenhals‹). Außerdem bestanden ein für die Diphtherie nicht typisches stammbetontes makulöses Exanthem und eine beidseitige deutliche Konjunktivitis.

Zunächst wurde nur eine antibiotische Therapie eingeleitet. An den Folgetagen kam es zu einer Zunahme des Lokalbefundes mit ausgeprägten gräulich-weißen Belägen im Rachen-Gaumen-Bereich, die beim Ablösen bluteten, so daß der klinische Verdacht auf eine Diphtherie bestätigt wurde.

Der Patient konnte wegen der ausgeprägten Schleimhautveränderungen im Rachenbereich weder essen noch trinken. Bei Temperaturen über 40°C, Zunahme des Exanthems und einer weiteren Verschlechterung des Allgemeinzustandes wurde nun über 3 Tage eine Diphtherie-Antitoxin-Therapie durchgeführt, die zu einer deutlichen Besserung des Zustandes führte. Eine parenterale Ernährung war über 8 Tage notwendig. – Die Hautveränderungen entwickelten sich auch nach dem Abklingen der Erscheinungen im Rachen und einer allgemeinen Besserung zu einem bullösen hämorrhagischen Exanthem; sie wurden als Exanthema exsudativa multiforme gewertet und mit Prednison behandelt.

Die stationäre Behandlung erstreckte sich über 5 Wochen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war ein Keimträger unter Landsleuten aus Bangladesch, mit denen der Erkrankte Kontakt hatte, die Infektionsquelle. Den Mitarbeitern des zuständigen Gesundheitsamtes gelang es trotz verschiedener Gespräche nicht, Kontaktpersonen zu erfassen, so daß Schutzmaßnahmen in der Umgebung unterbleiben mußten.

Kommentar: Das gute Ansprechen der Antitoxintherapie bestätigt nachträglich die klinische Verdachtsdiagnose ›Diphtherie‹. In mehreren Nasopharyngeal- und Rachenabstrichen konnte – unter Anbehandlung mit Antibiotika – Corynebacterium diphtheriae nicht nachgewiesen werden. Der Verdacht auf das Vorliegen einer Diphtherie wurde frühzeitig ausgesprochen, eine charakteristische Symptomatik entwickelte sich allerdings erst nach einigen Tagen. Dieser Erkrankungsfall gibt erneut Gelegenheit, daran zu erinnern, daß in derartigen Fällen immer auch an die Diphtherie gedacht, vor der spezifischen Therapie eine mikrobiologische Diagnostik eingeleitet und bereits bei bestehendem klinischen Verdacht Antitoxin gegeben werden sollte.

Quelle:
Epidemiologisches Bulletin 11 / 1998

Beitrag kommentieren

Bitte einloggen um Kommentare abzugeben.