… Säugling erkrankte an Botulismus; Tee wurde mit Honig gesüßt …
Die Eltern dachten vermutlich, sie würden ihrem Kind etwas gutes Tun, indem sie ihm keinen raffinierten Zucker im Teegetränk anboten, doch ist Honig für Säuglinge extrem gefährlich. Auch nach 4-monatigem Krankenhausaufenthalt ist das Kind noch nicht genesen.
Ein drei Monate alter Säugling aus dem Berliner Umland erkrankte nach einem uncharakteristischen Vorstadium akut mit Trinkschwäche (Zeichen einer beginnenden Lähmung der Schluckmuskulatur), Obstipation, Augenmuskellähmung, verringertem Muskeltonus und allgemeiner Schwäche. Das Kind wurde unmittelbar in das örtliche Krankenhaus eingewiesen und am gleichen Tage auf die neonatologische Intensivtherapiestation eines Berliner Klinikums verlegt. Zu diesem Zeitpunkt bestanden verschiedene Muskellähmungen, es entwickelte sich eine Atemlähmung. Nach kurzer Beobachtung wurde der Verdacht auf Botulismus geäußert. Im Stuhl des Kindes wurde Clostridium (Cl.) botulinum Typ A nachgewiesen. Das schwerkranke Kind wurde maschinell beatmet und erhielt eine Infusionstherapie. Die behandelnden Ärzte entschieden sich in diesem Falle für eine orale Penizillinbehandlung, um den Darm zu sanieren.
Dem lag die Vorstellung zugrunde, daß die anhanhaltende Obstipation die Keimvermehrung und Toxinbildung begünstigen könnte. Nach 7tägiger Behandlung waren im Stuhl Clostridien nicht mehr nachweisbar. Diese Therapie ist in der Literatur nicht unumstritten. Eine Antitoxingabe unterblieb; bei Säuglingsbotulismus ist sie nicht üblich, vor allem, weil die Gefahr einer Sensibilisierung gegen das artfremde Serum besonders groß ist. Unter intensivster Behandlung und Betreuung gingen die Erscheinungen nur sehr langsam zurück.
Gegenwärtig wird das Kind – nach knapp 4 Monaten – noch immer stationär behandelt. Die Atemmuskulatur war nach etwa 10 Wochen wieder hergestellt und funktioniert jetzt ohne Einschränkung. Es bestehen noch eine Schwäche der Skelettmuskulatur, eine geringe Einschränkung der Funktion der Augenmuskeln und eine deutliche Behinderung des Schluckvorganges. Das Kind erhält seine Nahrung vorerst weiterhin ausschließlich über eine nasogastrale Sonde.
Als Vehikel der Übertragung des Erregers wurde Bienenhonig (industriell abgefüllt) ermittelt. Das bis dahin gesunde Kind war mit Muttermilch ernährt worden, hatte aber zusätzlich Tee erhalten, der mit Bienenhonig gesüßt war. In einer Probe des verwendeten Honigs wurde Cl. botulinum nachgewiesen.
Kommentar: Der klassische Botulismus wird durch die Aufnahme bereits gebildeter Toxine mit der Nahrung verursacht. Säuglingsbotulismus (engl.: infant botulism oder intestinal toxemia botulism) ist eine Sonderform des Botulismus, die bei Kindern im ersten Lebensjahr – ganz besonders in den ersten 6 Monaten – durch eine nur in diesem Zeitraum mögliche Besiedlung des Darms mit Cl. botulinum, die zum Auskeimen und zu einer Toxinbildung führt, entstehen kann. Das freigesetzte Toxin bindet sich an den peripheren cholinergen Nerven, verhindert die Ausschüttung von Acetylcholin und damit die Übertragung der Nervenerregung auf den Muskel. Klinisches Korrelat ist die Muskellähmung, darunter eine lebensbedrohende Atemlähmung (s. a. Falldefinition im Epid. Bull. 34/98: 232). Bei älteren Kindern und Erwachsenen besteht diese Möglichkeit nicht mehr, vermutlich deshalb, weil eine stabile Darmflora dem entgegenwirkt.
Neben dramatisch verlaufenden Erkrankungen gibt es auch leichtere Verläufe. Die Letalität des infant botulism kann nach Erfahrungen in den USA bei rechtzeitiger, den heutigen Möglichkeiten entsprechender Intensivtherapie auf wenige Prozent gesenkt werden, andererseits wird angenommen, daß infant botulism auch einen gewissen Anteil an den Fällen von plötzlichem Kindestod (Sudden infant death syndrome, SIDS) hat. Clostridien werden von Säuglingen durch kontaminierte Nahrung, u. U. auch durch Staub aufgenommen. Ein in den USA seit längerem bekanntes und praktisch wichtiges Medium der Übertragung der Clostridien ist Honig, der zwar mikrobizide Eigenschaften aufweist, aber verschiedene Sporenbildner enthalten kann, hauptsächlich Cl. botulinum der Typen A und B, aber auch C und E.
Daneben wurden auch andere Clostridien, wie Cl. butyricum oder Cl. baratii als Toxinbildner und Erreger von Säuglingsbotulismus bestätigt. – Säuglingsbotulismus tritt weltweit auf.
In den USA, wo infant botulism im Jahr 1976 erstmals beschrieben wurde, sind bis 1994 weit über 1.000 derartige Erkrankungsfälle stationär behandelt worden. Der Rückgang der gemeldeten Erkrankungen auf jährlich 60 – 85 in den letzten Jahren und die Verringerung des Anteils der Fälle mit einer vermuteten Erregerübertragung durch Honig (auf nur noch bis zu 15%) wird im Zusammenhang mit einer umfangreichen Öffentlichkeitsarbeit gesehen, allerdings wird auf weiterhin vorhandene Wissensdefizite hingewiesen. Säuglingsbotulismus gilt in den USA gegenwärtig als häufigste Form des Botulismus. Warum in den USA Säuglingsbotulismus bezogen auf die Bevölkerung immer noch etwa 10fach häufiger erfaßt wird als in Mitteleuropa, ist nicht klar.
In europäischen Ländern wurden seit 1993 lediglich Einzelfälle beschrieben. Auch in Deutschland wurde Säuglingsbotulismus bisher nur sehr selten diagnostiziert und in früheren Jahren auch nicht gesondert erfaßt. Seit 1996 wurden dem Robert Koch-Institut außer der hier vorgestellten Erkrankung zwei weitere Fälle von Säuglingsbotulismus aus Bayern (1996) und aus Niedersachsen (1997) gemeldet. Auch diese beiden Kinder mußten künstlich beatmet werden, zumindest bei einer der beiden Erkrankungen wurde die vorherige Gabe von Bienenhonig (industriell gefertigtes Markenfabrikat) anamnestisch bestätigt. Die Seltenheit derartiger Erkrankungsfälle hat zur Folge, daß das Wissen um diese Krankheit und die speziellen Möglichkeiten der Prävention noch lückenhaft sind.
Nach Bekanntwerden der honigassoziierten Erkrankungsfälle in den USA wurden in Deutschland umfangreiche Untersuchungen zur Kontamination von Honig durchgeführt, die ein negatives Ergebnis hatten. Faßt man aber die internationalen Beobachtungen zusammen, muß man eine mögliche geringe Kontaminationsrate in Betracht ziehen. Vielen ist nicht bewußt: Honig gehört zu den tierischen Lebensmitteln, bei deren ›Rohverzehr‹ verschiedene Risiken bekannt sind. Im Falle des Bienenhonigs kann – auch bei sorgfältigster Herstellung – die Gefahr einer Aufnahme von Cl. botulinum niemals völlig ausgeschlossen werden. Die weltweiten Erfahrungen (USA, Südamerika, Japan, Australien) begründen in Verbindung mit den Beobachtungen in verschiedenen europäischen Ländern präventive Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, Kindern im ersten Lebensjahr keinen reinen Honig zu geben. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung von Sporen ist zwar gering; wenn es aber dazu kommt, können die Folgen sehr ernst sein. – Zusätzlich sollte die Möglichkeit anderer Quellen für die orale Aufnahme von Cl.-botulinum-Sporen aus der natürlichen Umgebung (Staub, Schmutz) nicht außer Acht gelassen werden. Obwohl in einigen Schriften zur Säuglingsernährung bereits – in allgemeiner Form – darauf hingewiesen wird, Säuglingen keinen reinen Bienenhonig zu geben, ist dies aus verschiedenen Gründen noch verbreitet üblich. So wird z. B. vielfach noch empfohlen, die Brustwarzen oder die ›Schnuller‹ mit Honig zu bestreichen, um Saughemmungen zu überwinden oder es werden – wie bei der beschriebenen Erkrankung – Getränke mit Bienenhonig nachgesüßt. Die Prävention muß sich also darauf konzentrieren, alle diejenigen, die Säuglinge betreuen und Eltern beraten, entsprechend zu informieren und aufzuklären:
Bienenhonig in reiner Form stellt für Kinder im ersten Lebensjahr eine Gefährdung dar. Diese Warnung trifft nicht auf Honig als Bestandteil von Fertignahrung zu; eine durch die Hersteller von Säuglingsnahrung garantierte ausreichende Erhitzung sichert die Abtötung von Cl. botulinum. Als Zusatz von Säuglings-Flaschenmilchnahrung wird Honig nicht mehr verwendet. – Es sei betont, daß der ausgesprochene Warnhinweis den Wert des Honigs für alle übrigen Altersgruppen nicht in Frage stellt.


