… einzigartiger Fallbericht aus den USA …
Fledermäuse als Infektionsquelle
Tollwut ist eine virale Erkrankung des Zentralnervensystems, die nach Ausbruch der klinischen Krankheitszeichen zum Tod führt. Der Erreger ist das Rabiesvirus, Genus Lyssavirus, aus der Familie der Rhabdoviridae. In der wissenschaftlichen Literatur wurden bisher nur fünf Fälle beschrieben, in denen es nach einer klinisch manifesten Tollwutinfektion zum Überleben der Betroffenen kam. Vier dieser Personen hatten vor dem Ausbruch der Erkrankung bereits eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) als kombinierte Wutschutzbehandlung erhalten, ein Erkrankter war geimpft worden. Nach überstandener Erkrankung blieben bei vier Personen neurologische Defizite zurück.
Aus den USA wurde nun kürzlich die Erkrankung eines 15-jährigen Mädchens ohne Todesfolge bekannt. Das Mädchen hatte weder eine PEP erhalten, noch war es geimpft worden. Da es sich um den ersten dokumentierten Fall eines Überlebens nach klinisch manifester Tollwutinfektion handelt, wird nachfolgend der Verlauf dieser Infektion beschrieben:
Jeanna Giese verläßt Krankenhaus mit ihrer Familie
Im September des Jahres 2004 wurde das Mädchen von einer Fledermaus, die es vom Boden aufgelesen hatte, in den linken Zeigefinger gebissen. Das Tier entkam, die kleine Bisswunde am Finger wurde desinfiziert, ein Arzt wurde nicht konsultiert. Etwa vier Wochen nach dem Ereignis war die Gebissene müde und abgeschlagen, sie verspürte ein Kribbeln und Taubheitsgefühl im Bereich der linken Hand. Im Verlauf der nächsten Tage stellten sich weitere neurologische Symptome ein (u a. Doppelbilder, Sprach- und Gangstörungen, Zittern des linken Armes, Lethargie, Teillähmung des VI. Hirnnervs), auch die Körpertemperatur war im Verlauf erhöht. Ambulant durchgeführte magnetresonanztomographische Untersuchungen waren unauffällig, auch die nach der stationären Aufnahme am 4. Krankheitstag durchgeführte Lumbalpunktion führte zunächst nicht zu einer Diagnose. Nach Verlegung auf die Intensivstation eines Krankenhauses der Schwerpunktversorgung und dem anamnestischen Hinweis auf den Fledermausbiss am 6. Tag der Erkrankung wurde eine Tollwutinfektion differenzialdiagnostisch in Betracht gezogen. Daraufhin wurden Untersuchungsmaterialien zur Abklärung an ein Labor der Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, geschickt.
Dort konnten im Serum und Liquor neutralisierende Tollwutvirus-Antikörper nachgewiesen werden, die direkten Nachweisverfahren (direkter IFT, Zellkultur, PCR) für das Virus in den Hautbiopsien und im Speichel waren negativ. Im Hinblick auf fehlende gesicherte Therapiekonzepte zur Behandlung der Tollwut und den Nachweis neutralisierender Antikörper wurde die Patientin über insgesamt 7 Tage in ein künstliches medikamentöses Koma versetzt, intubiert und beatmet. Zudem erhielt sie Ribavirin-Infusionen sowie allgemein unters tützende, insbesondere neuroprotektive Maßnahmen. Am 33. Krankheitstag konnte die Patientin extubiert werden. Am 17. Dezember war sie noch in stationärer Behandlung, aber schon in der Lage, mit Hilfe zu gehen, weiche Nahrung eigenständig zu sich zu nehmen, mathematische Aufgaben zu lösen und sich mit Zeichensprache zu verständigen. Auch erste Sprachversuche waren erfolgreich.
Foto: Rick Woods - Jeanna Giese ein halbes Jahr nach Beginn der Tollwutbehandlung
Schlussfolgerungen: Obwohl jetzt erstmals ein Fall beschrieben wurde, in dem eine Tollwuterkrankung auch nach klinischem Ausbruch ohne Impfung bzw. ohne Postexpositionsprophylaxe (PEP) überlebt wurde, kann das dargestellte Therapieregime nicht als gesicherte Therapie für solche Fälle gelten. Die Gründe für das Überleben des 15-jährigen Mädchens bleiben unklar. Es ist daher weiterhin unverzichtbar, auf die Maßnahmen, die dem Ausbruch der Erkrankung vorbeugen können, hinzuweisen und sie konsequent anzuwenden. Nach
Kontakt mit einem tollwütigen Tier oder einem der
Tollwut verdächtigen Tier sind dies insbesondere eine sorgfältige Wundhygiene und eine PEP (für Deutschland gemäß den Empfehlungen der STIKO, s. a. Epid. Bull. 30 und 42/2004). Der beschriebene Fall verdeutlicht ein weiteres Mal die Gefahr, die von Fledermäusen ausgeht, die in Europa beispielsweise Träger des Europäischen Fledermausvirus sein können (European Bat Lysssa Virus, EBLV, Typ 1 und 2, entsprechend den Genotypen 5 und 6 des Rabiesvirus). Eine solche Gefahr besteht, wie mehrere Einzelfälle zeigen, grundsätzlich auch in Deutschland und sollte beim
Kontakt und Umgang mit Fledermäusen unbedingt berücksichtigt werden. So sollten kranke oder verletzte Fledermäuse nicht mit bloßen Händen angefasst werden, weil die Gefahr einer Verletzung besteht und Bisse durch die feinen Zähnchen nicht immer bemerkt werden. Wenn ein
Kontakt zu einer Fledermaus bestanden hat, bei dem eine Verletzung nicht ausgeschlossen werden kann, sollte rasch ein Arzt konsultiert werden, der über die Notwendigkeit einer PEP entscheiden muss.
Sofern möglich, sollte das Tier, mit dem Kontakt bestanden hatte, eingefangen bzw. asserviert und einer veterinärmedizinischen Untersuchung auf das Rabiesvirus zugeführt werden. Personen, die beruflich oder in ihrer Freizeit mit Fledermäusen in Berührung kommen, sollten präventiv immunisiert sein (s. Epid. Bull. 26/2003).
Quelle: Centers for Disease Control and Prevention. Recovery of a Patient from Clinical Rabies – Wisconsin, 2004. MMW 2004; 53: 1171–1173
Update:
Jeanna Giese
Im Jahr 2007 weist das Center for Disease Control and Prevention daraufhin, daß die erstmals erfolgreich bei der 15-jährigen Jeanna Giese aus Wisconsin angewendete Therapie, bedauerlicherweise in 3 weiteren Fällen mit dem Tollwutvirus infizierter Kinder nicht das Leben der Patienten retten konnte. Jeanna wurde 2005 fast 3 Monate lang stationär behandelt. Auch 2 Jahre später ist sie nicht vollständig genesen: sie ist sportbefreit, hat Probleme mit dem Sprechen und kann die Bewegungsabläufe ihrer linken Seite nur bedingt steuern. Dieser Zustand ist auch 4 Jahre nach der Infektion noch spürbar. Auch zu Beginn des Jahres 2009 ist Giese der einzige Mensch, der mithilfe dieser Therapie eine Tollwutinfektion überlebt hat.
Links:
Literatur:
Media:
Beitrag erstellt am
2005-05-22 um 14:49 Uhr
in Aktuelles, Impfinformation, Medizin, Schicksale.
Letzte Änderung am 2009-09-14 um 16:43 Uhr.
Tags: Infektionskrankheiten, PEP, Tollwut
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