… Das Mikroskop reicht nicht aus …
Berlin meldet 110 Fälle von spinaler Kinderlähmung in den letzten sechs Wochen, Lüneburg fast soviel aus seinem Regierungsbezirk. Oesterreich schließt wegen spinaler Kinderlähmung seine Grenzen gegen die französische Besatzungszone Deutschlands. Belgien ließ sich auf dem Luftwege zwei “eiserne Lungen” gegen spinale Kinderlähmung aus Amerika kommen.
England, Frankreich und selbst die USA, deren Oststaaten schon immer besonders befallen waren, berichten von seuchenartigem Auftreten der Krankheit. Aus fast allen europäischen Ländern wird bekannt, daß die Krankheitszahlen der spinalen Kinderlähmung (Poliomyelitis) etwa 50 v.H. über den sonst gewohnten Zahlen liegen. Im allgemeinen sollen indessen die Erkrankungen nicht sehr schweren Charakters sein.
Der Seuchenreferent beim Ministerium für Arbeit, Aufbau und Gesundheit des Landes Niedersachsen, Medizinalrat Dr. Wolrath, stellt mit sichtbarer Erleichterung fest, daß nun, da das letzte Drittel des August bereits begonnen hat, das Schlimmste wohl vorüber sei, denn die Verbreitung der spinalen Kinderlähmung sei nach bisherigen Erfahrungen an die heiße Jahreszeit gebunden.
Medizinalrat Dr. Wolrath, der sich während des letzten Krieges bei der Fleckfieberbekämpfung durch eine neue Impfstofftechnik hervorgetan hat, sagt: “Wenn ein Laie etwas von der Pest hört, so regt er sich mächtig auf. Für den Seuchenbekämpfer ist das gar kein Problem, weil er weiß, was er zu, tun hat. Mit der Poliomyelitis ist das anders. Man weiß nicht, woher sie kommt, und weiß nicht, was man dagegen tun soll.”
Man habe zwar, fügt er hinzu, einige Erklärungsversuche unternommen. Vor Jahren zeigte die Presse Bilder aus Holland, wo man mit sprengwagenähnlichen Fahrzeugen das ganze Land von Insekten zu befreien versuchte, in denen man irrtümlich die Träger des Krankheitserregers vermutete.
In Amerika würde die “eiserne Lunge” konstruiert, mit der man den Kranken hilft, deren Atemmuskulatur gelähmt ist. Die “eiserne Lunge”, eine spezielle Art vor Unterdruckkammer, zwingt den Brustkorb durch dauernden Wechsel des Druckes zur Atembewegung.
Das Kriterium sei, sagt Dr. Wolrath, daß der Erreger der kleinste der Virusarten sei und unter, der Sichtbarkeitsgrenze liege. Selbst im Elektronenmikroskop, dem sonst so leicht nichts entgeht.
Für die Erforschung und Bekämpfung der spinalen Kinderlähmung setzte sich in USA der verstorbene Präsident, F. D. Roosevelt ein, Er war selbst von der Krankheit befallen und hatte eine Lähmung davon zurückbehalten. Roosevelt hat sich mit großer Energie durch Gymnastik und Schwimmübungen jene Elastizität zurückgewonnen und erhalten, die er brauchte, um der erste Mann der USA sein zu können.
Ein anderes, das größte Kriterium der Forschungsarbeit sieht Dr. Wolrath darin, daß sich nie ein direkter Weg der Uebertragung feststellen läßt. Die bereits Erkrankten sind nicht mehr ansteckend. Die Träger des Krankheitserregers sind nicht zu erkennen und erkranken in den meisten Fällen nicht selbst. Nur einzelne der Infizierten werden befallen.
Die Krankheit äußert sich, mit Fieber beginnend, in stetig fortschreitenden Lähmungserscheinungen an den unterschiedlichsten Körperteilen. Sie ist weniger mit therapeutischen als mehr mit den Mitteln sorgfältiger Krankenpflege günstig zu beeinflussen.
In Berlin, wo unter den 110 Fällen bisher 15 tödlich waren, sind im allgemeinen Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren befallen. Es können aber auch Erwachsene infiziert werden.
Medizinalrat – Dr. Wolrath empfahl: “Wenn Sie eine Tante im Lüneburger Land haben, so verzichten Sie darauf, sie zu besuchen. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.”
“Eiserne Lunge” fliegt über den Ozean: Verladung in New York, Richtung Brüssel
Quelle:
- “Das Mikroskop reicht nicht aus“, DER SPIEGEL 34/1947 VOM 23.08.1947, SEITE 22
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