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Pockenepidemie und Fehldiagnosen

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… “Mädchen”, sprach der Arzt zu seiner Sekretärin, “ich habe die Pocken, aber halt die Schnauze!” …

Am 15. Dezember 1958, neun Tage, nachdem der aus Indien zurückgekehrte Heidelberger Mediziner Dr. Krump diese Aufklärung erteilt hatte, erkrankte die erste Kontaktperson. Die Epidemie nahm ihren Lauf. Die Seuche erfaßte 18 Personen; zwei Pockenopfer starben.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurden die Bundesbürger drastisch an eine tödliche Seuche erinnert, die noch in den Jahren 1870 bis 1873 in Deutschland über 100.000 Menschen hingerafft hatte. Und nachdem die Heidelberger Epidemie eingedämmt worden war, warnte der Münchner Pockenforscher Professor Dr. Albert Herrlich: “Wir dürfen heutzutage aber nicht damit rechnen, daß dem Ereignis wieder lange Jahre der Ruhe folgen ”

Die Befürchtung des Professors bestätigte sich, als die Pocken 1959 nach Berlin, 1961 nach Ansbach eingeschleppt wurden. Was sich aber in den ersten zehn Wochen des Jahres 1962 ereignete, ließ die Wissenschaftler aufmerken: In keinem Jahr seit 1922 wurden in Deutschland so viele Pockenfälle registriert wie jetzt. Bis Ende vergangener Woche erkrankten in Düsseldorf, Aachen und im Kreis Monschau 28 Personen; zwei Patienten starben. Hunderte von Kontaktpersonen mußten in Quarantäne gesteckt werden.

Mehr noch: Jeden Tag können Reisende aus Indien, Afrika oder Südamerika, wo die Pocken stellenweise noch immer grassieren wie in Deutschland der Schnupfen, die Seuche als übles Souvenir tätiger Entwicklungshilfe mitbringen.

Die Krankheit durfte in Deutschland praktisch als ausgerottet gelten, solange die Reisenden aus den traditionellen Pockenländern vorzugsweise mit dem Schiff ankamen. Hatte sich ein Passagier mit Pocken infiziert, so brach die Krankheit in der Regel noch während der Dampferfahrt aus. Seuchenhygienischer Vorteil: Alle Kontaktpersonen konnten mühelos unter Quarantäne gestellt werden.

Mit dem Anbruch des Massenflugzeitalters nach dem Zweiten Weltkrieg aber wuchs die Gefahr, daß die Seuche unerkannt ins Land kam. Tatsächlich wurden die meisten Pockenalarme, die nach 1945 in Europa veranlaßt werden mußten, durch fliegende Pockenträger ausgelöst.

Die Weltgesundheitsorganisation sah sich daher schon vor Jahren genötigt, Maßnahmen auszuarbeiten, die der Verschleppung der Seuche auf dem Luftwege vorbeugen sollen. Nach diesen Vorschriften, die seit dem 1. August 1960 auch in der Bundesrepublik gelten, haben Reisende aus Asien, Afrika und Südamerika “bei der Ankunft einen gültigen (das heißt: höchstens drei Jahre alten) Pockenimpfschein vorzuweisen, soweit sie nicht den ausreichenden Nachweis einer Immunität infolge früherer Pockenerkrankung” führen können.

Die Bestimmungen bieten jedoch keineswegs die Gewähr, daß tatsächlich nur geimpfte Reisende aus Pockenländein in die Bundesrepublik gelangen. Die Impfvorschriften lassen sich leicht umgehen:

  • Reisende aus Pockengebieten, die auf österreichischen oder Schweizer Flughäfen landen, brauchen keine Impfzeugnisse vorzulegen; wenn sie dann per Bahn oder mit dem Auto in die Bundesrepublik weiterreisen, wird an der Grenze kein Impfnachweis verlangt.
  • Manche Reisebüros besorgen ihren Kunden Gefälligkeitsatteste; die Bescheinigungen weisen Impfungen nach, die nie stattgefunden haben. Doch auch solche Touristen und Geschäftsleute, die sich der lästigen Impfprozedur nicht entziehen, können noch zu einer Gefahr für ihre Umwelt werden: Selbst eine frische Impfung schützt nicht mit absoluter Sicherheit vor der Seuche.

Freilich verläuft die Krankheit bei Personen, die geimpft worden sind, weitaus glimpflicher als bei Ungeimpften. Aber diese nur leicht Erkrankten können dennoch schwerste Formen des Leidens verbreiten.

Milde und daher untypische Formen der Pocken sind sogar besonders schwierig zu diagnostizieren — was zwangsläufig die Gefahr erhöht, daß zahlreiche Personen angesteckt werden, ehe die Krankheit erkannt ist. Professor Herrlich: “Der erste Fall (einer Reihe von Pockenerkrankungen in Europa) läuft meist unter einer Fehldiagnose.”

Der Heidelberger Arzt Dr. Krump etwa, der sich Ende vergangenen Monats vor Gericht zu verantworten hatte, hielt seine Pocken für “entzündete Moskitostiche”. Die Pockenerkrankung des Diplom-Bergingenieurs Wolfgang Jacobs, der Anfang des Jahres die Düsseldorfer Fälle auslöste, wurde zunächst als Grippe angesehen. Der Monteur Josef Breuer, der die Pocken nach Aachen und in den Eifelkreis Monschau einschleppte wurde sogar im Hamburger Tropeninstitut untersucht, ohne daß die Spezialisten Pockenverdacht schöpften.

15 Tage nach der Rückkehr des Monteurs aus Indien hatte sich gezeigt, was Aachener Gesundheitsbeamte später als ein “sehr verwischtes Krankheitsbild” bezeichneten. Die Symptome wurden erst richtig gedeutet, als weitere Personen erkrankten. Die mild verseuchten Pockenkranken aber fühlen sich allenfalls unwohl. Sie arbeiten weiter und streuen Krankheitskeime unter einer Bevölkerung aus, deren Impfschutz die Fachleute keineswegs befriedigt.

Zwar werden durchschnittlich 80 Prozent der Kinder gegen Pocken geimpft. Doch in manchen Gebieten, vor allem in einigen rheinländischen Kreisen, wird die Impfpflicht außerordentlich lax gehandhabt. Der Hamburger Pockenspezialist Professor Seelemann enthüllte als Gutachter im Heidelberger Pockenprozeß, daß in einigen Bezirken Westdeutschlands nur 40 Prozent der Bevölkerung geimpft worden seien. Seelemann: “Seit dem Kriege ist die Impfmoral in Deutschland erschreckend gesunken.”

Die Warnung des Fachmanns wiegt um so schwerer, als die vorbeugende Impfung noch immer die einzige wirksame Maßnahme zur Bekämpfung der Pocken ist. “Ist der Feind einmal in den Mauern”, klagte der deutsche Tropenhygieniker Professor Dr. Ernst Rodenwaldt, “liegen seine Opfer genauso hilflos Vor uns wie seit Jahrtausenden.”

Bildtitel:
- Pocken-Kontakter Krump
- Die Seuche …
- … kommt geflogen: Quarantänestation in Aichen

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