… Eine schon überwunden geglaubte Krankheit breitet sich in den westlichen Industrieländern wieder aus: die Kinderlähmung …
Hinten, weit in der Türkei, wo Jahr für Jahr mehr als 2.000 Kinder an der tückischen Lähmung erkranken, war Nebil Kürzü* angesteckt worden. In Gelsenkirchen kam er ins Krankenhaus. Die Diagnose bot keine Schwierigkeiten: Kinderlähmung (Poliomyelitis). Das einjährige Gastarbeiterkind kann seine Glieder nicht mehr bewegen. Ob es je laufen lernt, ist noch ungewiß.
Nebil ist das sechzehnte Opfer, das die Polio im volkreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen bislang in diesem Jahr forderte. Es soll, geht es nach dem “Ausschuß Seuchenhygiene der leitenden Medizinalbeamten”, womöglich das letzte sein: Am 12. November beginnt in der ganzen Bundesrepublik eine koordinierte Schluckimpfungsaktion. Ihr Ziel: die in den letzten Jahren entstandenen gefährlichen “Polio-Impflücken” wieder zu schließen.
Durch diese Lücken drängt immer häufiger ein Krankheitskeim, den die Seuchenärzte so fürchten wie sonst nur die Erreger von Pocken. Pest und Cholera: das Poliomyelitis-Virus.
Wer an Polio erkrankt, ist meist lebenslang durch verkümmerte Muskeln oder Lähmungen gehandikapt. In schweren Fällen bleiben die Patienten für immer an Krücken oder den Rollstuhl gefesselt (wie einst Franklin Delano Roosevelt) oder gar — bei Versagen ihres Atemzentrums — auf die “Eiserne Lunge” angewiesen, einen “Sarg aus Glas und Stahl”. wie ein Betroffener das künstliche Beatmungsgerät einmal nannte.
Die meisten dieser teuren Röhren sind freilich seit zehn Jahren eingemottet. Der Bedarf für solche Art von Lebensverlängerung war rapide zurückgegangen, nachdem Anfang der sechziger Jahre ein einfach zu verabreichender Impfstoff entwickelt worden war, der gegen alle drei bekannten Polio-Virenstämme Schutz bot.
Allein in Westdeutschland schluckten 1962 mehr als 24 Millionen Kinder und Erwachsene den Anti-Polio-Cocktail, im Jahr darauf erkrankten in der Bundesrepublik nur noch 241 Menschen, 28 starben (1961 waren noch 4673 erkrankt und 306 gestorben).
Die Polio-Toten von 1963 lieferten den geradezu tragischen Beweis für die Wirksamkeit des Impfstoffs: Alle Opfer hatten auf den süßen Gratisdrink der Mediziner verzichtet.
Zum Kummer der Ärzte hat die Schluckfreude in den letzten Jahren wieder stark abgenommen. So folgten an Rhein und Ruhr im vergangenen Impf-Jahr nur 30,4 Prozent der Eltern einer Einladung der Gesundheitsbehörden und ließen ihren Nachwuchs immunisieren. Auch Erwachsene, die bis zum 40. Lebensjahr von den Viren attackiert werden können, drücken sich meist vor der Impfung.
Diese Impfmüdigkeit birgt erhebliche Gefahren. Denn erst wenn bei drei von vier Bürgern im Blut Antikörper gegen die winzigen Polio-Viren zirkulieren, hat nach den Erfahrungen der Epidemiologen die Seuche keine Chance mehr — sie erlischt.
Dieses Traumziel ist in einigen Ländern — so Schweden, Finnland und der DDR — mittlerweile erreicht. Verteidigt wird es dort durch Impfpflicht (DDR) oder alljährliche Kampagnen. In der Bundesrepublik liegt dagegen. wie die Wiesbadener Ärztezeitschrift “Medical Tribune” jüngst warnte, “eine neue Kinderlähmungsepidemie durchaus im Bereich der Möglichkeit”.
Zudem wird die Viruskrankheit immer häufiger durch Gastarbeiter und Touristen importiert. So starb das bislang einzige Polio-Todesopfer dieses Jahres, ein 33jähriger Mann aus Mülheim an der Ruhr, nach einer Urlaubsreise in den Süden.
“Die Kinderlähmung”, erläutert West-Berlins Seuchenreferentin Dr. Edith Seeber, “ist heute eine Einschleppkrankheit. Drei Viertel aller Polio-Patienten sind Gastarbeiterkinder”, denn in Anatolien oder Portugal gibt es kaum Impfschutz.
“Bestürzend” findet Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Werner Figgen, dessen Land von der Seuche am stärksten bedroht ist, mit welcher “Leichtfertigkeit” Eltern ihre ungeschützten Kinder auf Reisen in solche südlichen Polio-Gebiete mitnehmen. “Unverständlich” bleibt ihm auch die mangelhafte Impfbeteiligung.
An dieser Misere sind die Gesundheitsbehörden freilich nicht unschuldig. Ihre “altkluge” zopfige Art der Impf-Werbung spricht Eltern gerade aus den unteren Bildungsschichten kaum an. Kinder aus diesem Milieu der Armut und Enge sind erfahrungsgemäß jedoch überdurchschnittlich poliogefährdet.
Einige deutsche Hygieniker wollen deshalb Risikogruppen, wie “Gastarbeiter oder Bewohner von Sanierungsgebieten”, in Zukunft mit einem “intensiven Überwachungs- und Impfprogramm” schützen. Mehrsprachige Handzettel sollen Vertrauen wecken.
Ganz andere Gefühle will das Deutsche Fernsehen mobilisieren: In den kommenden Wochen werden nach der “Tagesschau” kurze Spots über den Bildschirm flimmern, die poliokranke Kinder in Rollstühlen und an Krücken zeigen. Denn die Experten sind sich einig, daß nur der Augenschein des Leids 1962 offensichtlich die “großartige Beteiligung” an der Impfaktion stimuliert hat — die freilich zum Kummer der “Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung” mit der Krankheit auch weithin “die Angst vor ihren traurigen Folgen” schwinden ließ.
Die Furcht vor unerwünschten Nebenwirkungen der Schluckimpfung dagegen blieb. Dabei ist eben sie nicht gerechtfertigt. im Gegensatz zur umstrittenen Pockenschutzimpfung erwartet man bei der Polio-Immunisierung nur jeweils eine neurologische Komplikation auf 2,5 Millionen Schlucker — bei der gesetzlich vorgeschriebenen Pockenschutzimpfung ist das Risiko mindestens fünfzigmal so groß.
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Quelle:
- “Lohn der Angst“, DER SPIEGEL 45/1973 VOM 05.11.1973, SEITE 204
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