… Tödliche Masern: ohne Ausschlag besonders tückisch …
Masernvirus. Foto: Okapia
Heimtückisch blande begann der ungewöhnliche Verlauf der Erkrankung. Das Fieber hätte fast alles sein können. Die Hausärztin vermutete einen grippalen Infekt und verordnetet ihrer Patientin, einem 14-jährigen Mädchen mit Down-Syndrom, Paracetamol. Als das Fieber nicht sank, am nächsten Tag zusätzlich ein Antibiotikum (Clarithromycin). Auch dies schwächte die Symptome nur leicht, berichtet Prof. Dr. M. Riße, Institut für Rechtsmedizin der Uni Gießen, in der Zeitschrift „Rechtsmedizin“.
Wiederbelebungsversuche des Vaters scheiterten
Verzweifelt gab die besorgte Mutter dem Kind deshalb zwei Tage nach Ausbruch der Erkrankung vormittags zunächst ASS, nachmittags dann das Antibiotikum und zwei Tabletten Paracetamol. Gegen Abend war das Fieber schließlich gesunken. Das Kind legte sich schlafen, bei Kontrollen fiel der Mutter nichts Besonderes auf. Um 21.30 Uhr habe die Tochter nach ihr gerufen; als sie das Kinderzimmer betreten habe, sei das Mädchen bereits nicht mehr ansprechbar und leblos gewesen. Wiederbelebungsversuche durch den Vater und den Notarzt wurden schließlich gegen 22 Uhr erfolglos eingestellt.
Innerhalb von drei Tagen haben die Symptome eines scheinbar simplen Infekts zum Tod eines zuvor vermeintlich gesunden Mädchens geführt. Doch was war der Grund? Der Notarzt vermutete eine anaphylaktische Medikamentenreaktion oder einen Herzstillstand als mögliche Todesursache – wahrscheinlich bedingt durch die Trisomie 21 des Kindes. Er bemerkte zudem eine Zyanose der oberen Körperhälfte. Bei der polizeilichen Leichenschau fiel außerdem ein roter Hautausschlag und ein weißer Belag auf der Zunge auf. Allergische Reaktionen hatte das Mädchen nach Auskunft der Eltern jedoch bis dahin nie gehabt.
Sah aus wie ein Arzneimittelexanthem
Somit musste die Obduktion Gewissheit verschaffen. Dabei fanden sich bei dem schwergewichtigen Mädchen (154 cm, 101 kg) einem Arzneimittelexanthem ähnliche Hautveränderungen. Außerdem die typischen Merkmale eines Down-Syndroms: ein offenes Foramen ovale und ein operativ verschlossener Ven trikelseptumdefekt. Zudem lagen ein massives Hirnödem, klarer Perikard erguss, eine leichte akute Appendizitis, eine chronische Tonsillitis sowie eine akute schleimige Tracheobronchitis vor. Bei der histologischen Untersuchung fielen Koilozyten und einkernige Riesenzellen in der Epidermis sowie eine Riesenzellbronchitis auf. Das Lungengewebe war im Sinne einer Hecht-Riesenzell-Pneumonie verändert, des Weiteren war eine akute Hepatitis auffällig. Bei der chemisch-toxikologischen Untersuchung waren alle verabreichten Medikamente mit therapeutischen Wirkspiegeln nachzuweisen, Clarithromycin hingegen gar nicht.
Klarheit durchs Gesundheitsamt
Diese vielen verschiedenen Befunde gaben leider immer noch keinen Aufschluss über die tatsächliche Ursache des Todes. Erst ein Hinweis des zuständigen Gesundheitsamts brachte Klarheit: Eine eitrige Tracheobronchitis und ein hämorrhagisches Exanthem sind in der Literatur als masernbedingte Komplikationen beschrieben. Sowohl die molekulare als auch die serologische Analyse ergaben einen positiven Befund und sprachen für eine akute Maserninfektion beim verstorbenen Kind. Anamnestisch war zu erfahren, dass das Kind nicht gegen Masern geimpft war. Todesursächlich war offensichtlich akutes Herz-Kreislauf-Versagen als Folge der durch die Masernerkrankung eingetretenen Komplikationen und eines geschwächten Immunsystems.
Masern sind eine meldepflichtige Infektionskrankheit. Die wichtigste Möglichkeit, sie zu bekämpfen, ist die Impfung. Dieser tragische Todesfall zeigt wieder einmal, dass die Komplikationen und Ernsthaftigkeit dieser Krankheit weiterhin unterschätzt werden. (au)
Weltweit 500.000 Maserntote pro Jahr
Der Kontagionsindex der Maserninfektion liegt bei über 90%, d. h. mehr als 90% der nichtimmunen Personen mit Masernkontakt erkranken. Die Inkubationszeit beträgt 9–12 Tage, bis zum Auftreten des Exanthems dauert es rund 12–15 Tage. Unkomplizierte Masernfälle haben eine gute Prognose. Todesfälle sind in der westlichen Hemisphäre seit der Einführung der Masernimpfung eher selten. Das Robert-Koch-Institut geht in Merkblättern von einer Sterblichkeit von 1:10.000 bis 1:20.000 Fällen aus (www.impf-info.de). Weltweit schätzt man etwa 500.000–800.000 Maserntote pro Jahr.
Quelle:
- Springermedizin: “Tödliche Masern: ohne Ausschlag besonders tückisch” vom 25. Februar 2010.
Links:
- Paraphaenomenalia: “Kranke müssen draußen bleiben”


