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Bundesoberbehörde sanktioniert Quacksalberei

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… und Stiftung Warentest sagt: “Gut” so!

Guter Service?
Guter Service?
Daß der Bund so einige eigenartige Unterfangen am Laufen hat, ist sicher jedem hier wohnenden Individuum bekannt. In einer Demokratie ist jedoch bundesweit auch der größte Schwachsinn von der Mehrheit der Bevölkerung legitimiert – die Aussagen, die dadurch über unsere Gesellschaft getroffen werden, spiegeln sich nicht nur in den PISA-Werten wider. Eine Gesellschaft, deren Priorität nicht die Bildung der Bürger ist, muß sich nicht wundern, wenn eine der Bundesoberbehörden, die Bundesagentur für Arbeit, auf ihrem Webportal in ihrer Kursdatenbank ca. 3.500 Kurse zum Schlüsselwort “Therapeut” auflistet, von denen nur einige seriöse Ausbildungen, z.B. in der Altenpflege, zum Ziel haben.

Eine erschreckende Vielzahl der angebotenen Kurse, hält jedoch unwissenschaftliche, esoterische und parawissenschaftliche Ausbildungsinhalte für potentielle Interessenten vor. Unter dem Stichwort “Astrologie” werden einem immerhin 22 Angebot aufgezeigt.

Hier einige Ausbildungsziele:

  • Alternative Heilverfahren und Untersuchungsmethoden
  • Anthroposophische Medizin
  • Antlitzdiagnose, Augen- und Irisdiagnose
  • Aromatherapie
  • Aura Soma
  • Ausleitende Verfahren (Blutegel-, Schröpf-, Baunscheidt-, Cantharidentherapie)
  • Biologische Krebstherapie
  • Chakrenarbeit
  • Edu-Kinestetik
  • Energetische Psychotherapie, Bioenergetik, Spirituelle Psychotherapie
  • Familien-, Paar-, Systemische Therapie
    Familienaufstellungen, Organisationsaufstellungen
  • Feng Shui
  • Ganzheitskosmetik
  • Heilpraktiker/Heilpraktikerin
  • Homöopathie
  • Meridian- und Farbtherapie
  • Naturheil- und alternative Verfahren in der Zahnmedizin
  • Neurolinguistisches Programmieren
  • Phytotherapie
  • Psychologische/r Berater/in
  • Psycho-Physiognomik
  • Qigong
  • Reiki
  • Schüßler-Salze
  • Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Einen Gesamtüberblick der angebotenen Kurse gibt diese Liste.

Die Ausbildung auf dem Gebiet der Biologischen Krebstherapie vermittelt einem nicht Wissen, sondern Glauben an “Biophotonen” und “Störfelder” und daran, daß “Wasseradern” Krebs erzeugen. Man erlernt, wie man Krebs mit Homöopathie, Bachblüten und anthroposophischer Medizin den Garaus macht (oder zumindest wie man Betroffene davon überzeugt, daß dem so sei). In einer anderen, nicht minder esoterischen Ausbildung, der “Psycho-Physiognomik”, wird einem im neuen Gewand alte Pseudowissenschaft präsentiert: Phrenologie (die Lehre, mit der anhand der Kopfform der Charakter bestimmt wird).

Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn eine Bundesbehörde in Zeiten der Not ihre Bürger unterstützt, ein einträgliches Einkommen durch Quacksalberei zu erzielen. Die Scharlatane lernen ja von den Meistern. Wenn die Bürger gerne ihre Steuern in privaten Banken versanden lassen, ja, warum dann nicht auch in den Kassen privater Heiler mit einer Weiterbildungsmaßnahme des Portales der Arbeitsagentur. Immerhin werden derzeit ganze 660 Berufsausbildungen zum Heilpraktiker angeboten. Mehr als ein Hauptschulabschluß ist dazu ja auch nicht nötig.

Es ist schön, wenn man seine Gesundheit in solch engagierte und kompetente Hände legen darf. Sogar von Volkshochschulen wird eine solche Ausbildung angeboten. Das ist vertrauenserweckend, das hat Substanz. Selbst die Stiftung Warentest befand das Portal der Arbeitsagentur für “Gut”. Es stellt sich jedoch die Frage: Warum? Wir leben in einem Land, in welchem die Bildung in der Hand der Länder liegt. Ganze Kommissionen wachen über Lehrpläne und deren Umsetzung in den Bildungseinrichtungen, um ein Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit zu garantieren und der Willkür nicht Tür und Tor zu öffnen. Wir haben eine Schulpflicht, damit auch die Kinder von Hinz und Kunz ein Mindestmaß an Bildung erhalten, egal welch spezielle Einstellung deren Eltern haben. Scheinbar sehen sich aber nicht alle Körperschaften öffentlichen Rechts in dieser Pflicht.

Die unreflektierte Öffnung der Kursdatenbank der Agentur für Arbeit für Strömungen der Alternativmedizin ist ebenso fragwürdig, wie die finanzielle Förderung von Volkshochschulen, in denen solche Kurse abgehalten werden. Es bleibt zu hoffen, daß solche Kursangebote in Zukunft nicht mehr durch eine Bundesoberbehörde propagiert werden und auch die Stiftung Warentest in ihrer Begutachtung genauer hinsieht. Qualitätssicherung ist doch ein Schlagwort, welches der deutschen Mentalität nicht fremd ist. Solange, wie unseren Bürgern nicht Hütchenspielen und andere Betrügereien auf Kosten der Steuerzahler beigebracht wird, sollte auch Scharlatanerie nicht zum Angebot gehören – auch wenn man damit gutes Geld verdienen kann und jeden Tag ein Dummer aufsteht, dem man es aus der Tasche ziehen kann. In Zeiten einer weltweiten Wirtschaftskrise hat die Esoterikbranche Hochkonjunktur. Das muß uns allen zu denken geben.

Links:

Thema bei Brightsblog
Thema bei der GWUP
Thema bei ESOblog: Werde Scharlatan
Thema beim Humanistischen Pressedienst

Nominierung zum Dodo des Monats April 2009:

http://brightsblog.wordpress.com/2009/04/25/wahl-dodo-des-monats-april-2009/

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