Glaubst Du noch oder denkst Du schon?

 

Tödliches Mitbringsel aus Russland

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Bitte Abstimmen)
Beitrag per e-Mail versenden

… Finne stirbt an Diphtherie

In Finnland erkrankte im September 1996 ein 46jähriger Mann nach der Rückkehr von einem Eintagesausflug in die Russische Förderation – nach Wyborg im Gebiet Leningrad – an einer Diphtherie. Die Erkrankung begann am 25.09.1996 mit Halsbeschwerden, die bis zum 28.09. stark zunahmen und zur Behandlung in einer HNO-Klinik führten. Zu diesem Zeitpunkt wurde eine Infektion durch Streptokokken der Gruppe G angenommen. Membranen, die einen klinischen Verdacht auf Diphtherie nahegelegt hätten, waren nicht vorhanden. Am 29.09. wurde eine Tonsillektomie vorgenommen. Der weitere Krankheitsverlauf bis zum 30.09. führte dann zur Diagnose einer toxischen Diphtherie (ausgeprägte peritonsiläre Ödeme, Benommenheit, Bradykarie, Oligurie). Gleichzeitig wurde aus einem Rachenabstrich vom 29.09. ein toxinbildender Corynebacterium-diphtheriae-Stamm, Typ gravis, angezüchtet. Daraufhin erfolgte die Gabe von Diphtherieantitoxin. Die Behandlung mußte auf einer Intensivstation fortgesetzt werden; dort starb der Patient am 12. Oktober an Herzversagen.

Die Impfanamnese des Patienten ergab, daß er zwei Dosen DPT-Impfstoff im Alter von 7 Jahren und eine weitere Diphtherie-Impfung im Alter von 20 Jahren erhalten hatte. Damit wurde die Grundimmunisierung – wenn auch verspätet – komplettiert. Mit 45 Jahren, also ein Jahr vor der jetzigen Erkrankung, erhielt er noch eine Boosterimpfung. Die Korrektheit dieser Angaben wurde an Originaldokumenten im Archiv des örtlichen Gesundheitszentrums bestätigt. Der Immunitätsstatus wurde anhand einer Blutprobe bestimmt, die am 30.09. vor der Antitoxingabe entnommen worden war. Mit zwei verschiedenen Methoden wurden 0,016 bzw. 0,02 IU/ml Diphtherieantitoxin im Serum ermittelt. – Es handelt sich um die erste tödlich verlaufene Diphtherieerkrankung in Finnland seit 1962 und um den neunten Erkrankungsfall, der in Finnland seit dem Beginn der Diphtherieepidemie in Rußland diagnostiziert wurde. Folgeerkrankungen bei Personen mit einem engen Kontakt zu dem Erkrankten sind nicht aufgetreten.

Kommentar: Die erhobenen serologischen Befunde zeigen, daß keine ausreichende, d.h. protektive, Immunität vorlag, sondern nur eine – zumindest von den Werten her – boosterfähige Basisimmunität. Warum die Grundimmunität des Erkrankten durch die Auffrischimpfung vor einem Jahr nicht stärker stimuliert und in eine protektive Immunität überführt wurde, muß hier zunächst offen bleiben. Eine Störung des Immunsystems ist die wahrscheinlichste Erklärung. In der Regel führt bei vorhandener Grundimmunisierung die Boosterung im Erwachsenenalter zu Werten über 0,1 IU/ml und damit zu einem belastbaren Impfschutz für die Dauer von mindestens 10 Jahren. Die Tatsache, daß es bei diesem Patienten trotz vier Gaben von Diphtherie-Impfstoff zu einer toxischen Diphtherie kam, erinnert daran, daß die Immunantwort individuell größeren Schwankungen unterliegen kann, obwohl es sich hier um einen seltenen Ausnahmefall handeln dürfte. Eine genauere Nachuntersuchung dieses Erkrankungsfalles, insbesondere die weitere Klärung der Umstände, die das Krankheitsgeschehen ermöglicht haben, wäre wichtig und ist in Finnland vorgesehen. – Natürlich wäre nach der Reiseanamnese des Patienten die frühzeitige Antitoxingabe anstelle der durchgeführten Tonsillektomie die Therapie der Wahl gewesen.

Dieser tragische Todesfall gibt Veranlassung, behandelnde Ärzte erneut auf die Gefahr importierter Diphtherieerkrankungen und die in diesem Zusammenhang immer wieder zu beobachtenden diagnostischen Probleme hinzuweisen.

Quelle:
Epidemiologisches Bulletin 02 / 1997

Beitrag kommentieren

Bitte einloggen um Kommentare abzugeben.