… weil die Notwendigkeit der Impfberatung unterschätzt wird …
Ein 58jähriger Mann aus Unterfranken bemerkte Ende April 1998 eine zunehmende Bewegungsschwäche und Schmerzen im Bereich der unteren Extremität. Drei Tage nach dem Auftreten der ersten Erscheinungen suchte er einen Arzt auf, am 5. Krankheitstag hatte sich eine proximale schlaffe Lähmung entwickelt, so daß z. B. ein Aufstehen aus der Hocke nicht mehr möglich war. Unter der Diagnose einer ›Parese‹ (der Verdacht auf eine Poliomyelitis wurde zunächst nicht geäußert) wurde er zu diesem Zeitpunkt zunächst in ein allgemeines Krankenhaus eingewiesen, dann zwei Tage später in ein Fachkrankenhaus verlegt.
Der Patient wird seit 1971 wegen einer Colitis ulcerosa behandelt (zuletzt mit Sulfasalazin), daher wurde zunächst an einen Zusammenhang mit dieser Erkrankung und deren Therapie gedacht. Erst im Laufe einiger Tage entstand, da die beobachtete akute Parese recht genau dem klinischen Bild einer Poliomyelitis entsprach, ein entsprechender Verdacht, der eine Woche nach der Aufnahme zur Einleitung gezielter virologischer und serologischer Untersuchungen führte. Gleichzeitig wurde das zuständige Gesundheitsamt unterrichtet.
Anamnestisch war bekannt geworden, daß der Patient 15 Tage vor Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen (20 Tage vor der vollständig ausgeprägten Parese) im Rahmen der Vorbereitung einer geplanten Reise in die Türkei eine erstmalige Impfung mit trivalenter oraler Polio-Vakzine (OPV) erhalten hatte. Frühere Impfungen konnten nach sorgfältigen Recherchen nicht eruiert werden.
Aufgrund dieser anamnestischen Anhaltspunkte sprachen die behandelnden Ärzte den Verdacht auf eine Vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis (VAPP) aus, der durch die Untersuchungen am Nationalen Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren bestätigt wurde:
Aus drei Stuhlproben im Laufe einer Woche (hier wurde die erste Probe allerdings erst 30 Tage nach der Impfung entnommen) konnte Poliovirus Typ 3 angezüchtet und mit den entsprechenden Markern als ›Sabin-like‹, d. h. als Impfvirus, bestimmt werden. Im Liquor war kein Virus nachweisbar. Die serologischen Befunde (nur ein Serum, Untersuchung im Neutralisationstest) bestätigten das Vorhandensein protektiver Antikörper gegen alle drei Typen des Poliovirus. – Nach der Entlassung aus der klinischen Behandlung bestehen zur Zeit noch sehr deutliche Einschränkungen des Gehvermögens, so daß ein Gehwagen benötigt wird. Mit Rehabilitationsmaßnahmen wird begonnen.
Die Diagnose ›Vakzine-assoziierte Poliomyelitis‹ kann aufgrund des zeitlichen Zusammenhanges zwischen Impfung und Erkrankung (mögliches Intervall: 7–30 Tage p.v.) und des Nachweises von Impfviren (in einem Umfeld, in dem sonst nicht geimpft worden war) als bestätigt gelten. – Aufgrund der chronischen entzündlichen Darmerkrankung und auch aufgrund der hier angewandten Langzeittherapie war in diesem Falle sicherlich Zurückhaltung beim Einsatz eines oralen Polio-Impfstoffes geboten.
Hauptanliegen der in diesem Frühjahr erfolgten Umstellung von OPV auf IPV ist die Vermeidung Vakzine-assoziierter paralytischer Poliomyelitiden bei Impflingen oder Kontaktpersonen, die zwar sehr selten auftreten, aber dann oft schwer verlaufen und zu bleibenden Schäden führen.
Damit gehört die beschriebene Erkrankung hoffentlich zu den letzten Fällen dieser Art in Deutschland. – Die Rate persistierender spinaler Paresen lag in Deutschland bisher bei 1 : 4,5 Millionen Impfungen mit OPV (nach Erstimpfungen etwa bei 1 : 1 Millionen Impfungen, nach Wiederimpfungen entsprechend niedriger)1, d. h. es waren 1–2 dieser Erkrankungsfälle jährlich zu erwarten.


