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Aus dem Schnapsglas

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1961-07-19, 07:47 [Wednesday]

… Angebot der DDR an die BRD zur Lieferung von Polio-Impfstoff …

Das Telegramm war “an die Regierung der Bundesrepublik zu Händen des Bundeskanzlers Herrn Dr. Adenauer, Bonn” adressiert, als Absender zeichnete der DDR-Minister Willi Stoph. “Mit Erschütterung hat die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik erfahren”, kondolierte Stoph Ende vergangenen Monats, “daß in Nordrhein-Westfalen mehr als 650 Personen an spinaler Kinderlähmung erkrankt und daß bereits 42 Todesopfer zu beklagen sind.”

Das Schreiben mündete in das Angebot, “sofort drei Millionen Einheiten des Impfstoffes von Sabin-Tschumakow zu liefern”, eine Menge, die ausreiche, in den am stärksten bedrohten Gebieten alle Kinder bis zu 14 Jahren zu schützen. “Da es sich um eine Schluck -Impfung handelt”, erläuterte Stoph, “läßt sich die Rettungsaktion schnell und unkompliziert durchführen.”

Am Freitag vorletzter Woche erlösten Wissenschaftler und Medizinalbeamte die Bundesregierung von dem Alpdruck, das selbstbewußte Angebot (Stoph: “Wir sind frei von der gefährlichen Seuche”) nicht mit guten Gründen ausschlagen zu können. Der (unabhängige) Bundesgesundheitsrat empfahl nach einer Sitzung in Königswinter aus grundsätzlichen Erwägungen Zurückhaltung gegenüber Polio-Impfstoffen, die – wie der aus dem Osten angebotene – nicht gespritzt, sondern einfach geschluckt werden. Die Wirkungsweise des neuen Impfstoffs, so verlautbarten die Gesundheitshüter, sei noch nicht genügend geprüft worden.

Anlaß der Debatte im Gesundheitsrat war freilich weniger das DDR-Angebot als vielmehr der Wunsch der nordrhein-westfälischen Gesundheitsbehörden, eine Aktion mit Schluck-Impfstoff amerikanischer Herkunft durchzuführen. Zwar waren nicht — wie Stoph geschrieben hatte — 650 Personen an spinaler Kinderlähmung (Poliomyelitis) erkrankt, aber immerhin weit über 400, so daß zahlreiche Schulen, Kindergärten und Freibäder geschlossen werden mußten. 20 Kinder waren gestorben.

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480.000 Impf-Cocktails

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1960-08-31, 07:33 [Wednesday]

… als Riegelungsimpfung in eine Epidemie hinein …

Mit einiger Sorge sehen der Westberliner Senator für das Gesundheitswesen, Dr. Hans Schmiljan, und der Seuchenreferent des Landesgesundheitsamts Berlin, Dr. med. Helmuth Kochs, dem Ausgang einer Untersuchung entgegen, mit der eine Kommission Westberliner Ärzte und Institutsleiter zur Zeit befaßt ist.

Das Mediziner-Gremium prüft, ob die Gesundheitsverwaltung von Westberlin einen bislang in Deutschland nicht erprobten Impfstoff gegen Kinderlähmung ohne genügende Sorgfalt angewendet hat und ob etwa die 50 Fälle von spinaler Kinderlähmung (Poliomyelitis), die in diesem Sommer in Westberlin registriert wurden, auf den leichtfertigen Einsatz des Impfstoffs zurückgeführt werden müssen.

Westberlin, für Spenden besonders aufgeschlossen, empfing aus den Vereinigten Staaten kostenlos 18 Zentner eines Polio-Impfstoffs, den der amerikanische Wissenschaftler Harold R. Cox in den vergangenen Jahren entwickelt und in Nord- und Südamerika erfolgreich angewendet hatte.

Gegen die Kinderlähmung, die augenblicklich in Westdeutschland grassiert*, wurden bisher hauptsächlich, zwei Abwehrmittel eingesetzt:

  • in der westlichen Welt der Impfstoff des Amerikaners Salk, der aus abgetöteten Polio-Viren gewonnen und zur Immunisierung in kurzen Abständen zwei- oder dreimal eingeimpft wird;
  • in der Sowjet-Union und fast allen östlichen Staaten die Vakzine des Russen Sabin, ein aus geschwächten Polio-Erregern extrahierter Impfstoff, der in Tablettenform verabreicht wird.
  • Die Cox-Spende als drittes Immunisierungsmittel kam Westberlin sehr gelegen, waren doch im Frühjahr 1960 an alle Ostberliner Kinder und Jugendliche Sabin-Tabletten ausgegeben worden, und die Gesundheitsverwaltung Westberlins glaubte daraufhin, nun auch in ihrem Bereich Schutzmaßnahmen treffen zu müssen.

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