Glaubst Du noch oder denkst Du schon?

 

Lohn der Angst

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1973-11-05, 09:40 [Monday]

… Eine schon überwunden geglaubte Krankheit breitet sich in den westlichen Industrieländern wieder aus: die Kinderlähmung …

Hinten, weit in der Türkei, wo Jahr für Jahr mehr als 2.000 Kinder an der tückischen Lähmung erkranken, war Nebil Kürzü* angesteckt worden. In Gelsenkirchen kam er ins Krankenhaus. Die Diagnose bot keine Schwierigkeiten: Kinderlähmung (Poliomyelitis). Das einjährige Gastarbeiterkind kann seine Glieder nicht mehr bewegen. Ob es je laufen lernt, ist noch ungewiß.

Nebil ist das sechzehnte Opfer, das die Polio im volkreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen bislang in diesem Jahr forderte. Es soll, geht es nach dem “Ausschuß Seuchenhygiene der leitenden Medizinalbeamten”, womöglich das letzte sein: Am 12. November beginnt in der ganzen Bundesrepublik eine koordinierte Schluckimpfungsaktion. Ihr Ziel: die in den letzten Jahren entstandenen gefährlichen “Polio-Impflücken” wieder zu schließen.

Durch diese Lücken drängt immer häufiger ein Krankheitskeim, den die Seuchenärzte so fürchten wie sonst nur die Erreger von Pocken. Pest und Cholera: das Poliomyelitis-Virus.

Wer an Polio erkrankt, ist meist lebenslang durch verkümmerte Muskeln oder Lähmungen gehandikapt. In schweren Fällen bleiben die Patienten für immer an Krücken oder den Rollstuhl gefesselt (wie einst Franklin Delano Roosevelt) oder gar — bei Versagen ihres Atemzentrums — auf die “Eiserne Lunge” angewiesen, einen “Sarg aus Glas und Stahl”. wie ein Betroffener das künstliche Beatmungsgerät einmal nannte.

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Pockenepidemie und Fehldiagnosen

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1962-03-14, 08:17 [Wednesday]

… “Mädchen”, sprach der Arzt zu seiner Sekretärin, “ich habe die Pocken, aber halt die Schnauze!” …

Am 15. Dezember 1958, neun Tage, nachdem der aus Indien zurückgekehrte Heidelberger Mediziner Dr. Krump diese Aufklärung erteilt hatte, erkrankte die erste Kontaktperson. Die Epidemie nahm ihren Lauf. Die Seuche erfaßte 18 Personen; zwei Pockenopfer starben.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurden die Bundesbürger drastisch an eine tödliche Seuche erinnert, die noch in den Jahren 1870 bis 1873 in Deutschland über 100.000 Menschen hingerafft hatte. Und nachdem die Heidelberger Epidemie eingedämmt worden war, warnte der Münchner Pockenforscher Professor Dr. Albert Herrlich: “Wir dürfen heutzutage aber nicht damit rechnen, daß dem Ereignis wieder lange Jahre der Ruhe folgen ”

Die Befürchtung des Professors bestätigte sich, als die Pocken 1959 nach Berlin, 1961 nach Ansbach eingeschleppt wurden. Was sich aber in den ersten zehn Wochen des Jahres 1962 ereignete, ließ die Wissenschaftler aufmerken: In keinem Jahr seit 1922 wurden in Deutschland so viele Pockenfälle registriert wie jetzt. Bis Ende vergangener Woche erkrankten in Düsseldorf, Aachen und im Kreis Monschau 28 Personen; zwei Patienten starben. Hunderte von Kontaktpersonen mußten in Quarantäne gesteckt werden.

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